| Das Sozialkapital von Schulen. |
Dieser Band greift einen Forschungsgegenstand auf, der in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft so gut wie noch nicht berücksichtigt wurde: Das Sozialkapital von Schulen. Sozialkapital, d.h. im Sinne Putnams Netzwerke, gemeinsame Normen und Vertrauen, ermöglicht eine effektivere Zusammenarbeit um gemeinsam angestrebte Ziele zu erreichen. Die internationale erziehungswissenschaftliche Diskussion konzentrierte sich bislang auf das familiale Sozialkapital von Schülerinnen und Schülern. Diese Veröffentlichung versucht, diesen engen Fokus zu überwinden. Die Auseinandersetzung mit dem Sozialkapital von Schulen erfolgt in mehreren Schritten.
I. Einführung in das Konzept "Sozialkapital". Das Konzept „Sozialkapital“ geht zurück auf die Soziologen Pierre Bourdieu und James Coleman. In einem ersten einführenden Teil erfolgt daher eine soziologisch-politologische Reflexion des Konzepts durch Markus Freitag. Dabei werden die Meilensteine der historischen Entwicklung, die Bausteine sowie Formen und Messgrössen für Sozialkapital dargestellt. Der sich in der Einführung anschließende Beitrag von Karl Wilbers skizziert dann den erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu diesem Konzept, wobei die Berufsbildung ein besonderes Augenmerk erfährt. Zu diesem Zweck wird ein Schema von vier Ebenen eingeführt, auf denen Sozialkapital angesiedelt wird. D.h. der Beitrag geht auf das Sozialkapital von Individuen, Institutionen, Regionen und Gesellschaften in einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive ein.
II. Schule als Institution in der Region. Dem einführenden Teil schließen sich Reflexionen des Sozialkapitals von Schule an, denen gemein ist, Schule als Institution in der Region zu betrachten. Thomas Stahl erläutert die Prinzipien und das Konzept der lernenden Region bzw. lokaler Innovationsnetzwerke. Durch die Betrachtung einer Fülle von europäischen Initiativen verdichtet er Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel der ‚Bottom-up’-Charakter. Sozialkapital befestige innerhalb dieser Netzwerke stabile Normen allgemeiner Reziprozität, befördere die Kommunikation und Kooperation, verkörpere den Erfolg früherer Zusammenarbeit und erhöhe das Risiko opportunistischen Verhaltens. Berufsbildende Schulen erscheinen in diesen Netzwerken als Institution mit einem veränderten Leistungsspektrum, das auch die Analyse, die Beratung und Prozessbegleitung im Leistungsportfolio beinhaltet. Karl Wilbers beleuchtet die Bedeutung von Berufsbildungsnetzwerken aus verschiedenen Perspektiven. Berufsbildungsnetzwerke erscheinen dabei als ein aktuelles Konzept der Berufsbildungsforschung, das eine lehr-/lerntheoretische, eine institutionell-systemische und eine ökonomische Relevanz hat.
III. Schule als Institution in der Gesellschaft. Im nächsten Teil des Buches wird befragt, welchen Beitrag Schule – als Erziehungs-, Sozialisations- und Qualifikationsinstanz – zum Sozialkapital der Gesellschaft leistet. Anne Sliwka lenkt das Augenmerk auf zwei Aufgabenfelder, die Qualifizierung junger Menschen für den Arbeitsmarkt und die Entwicklung aktiver Bürgerkompetenz (citizenship). Als pädagogische Methode stellt sie Service-Learning dar. Durch eine Verbindung von Berufsbildung und Bürgerbildung fungierten Schulen als Quelle des Sozialkapitals der Gesellschaft.
IV. 'Netzwerkkompetenz'. Schulentwicklung vollzieht sich in der klassischen Trias von Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und personaler Entwicklung. Der abschließende Teil des Bandes konzentriert sich auf einen Aspekt der personalen Entwicklung und zeigt verschiedene, praktisch erprobte Konzepte der Kompetenzentwicklung aus der Berufsbildung. Die Ansätze teilen die Ansicht, dass es für die Qualität der Arbeit von Netzwerken sinnvoll und möglich ist, Moderatoren zu qualifizieren. Annegret Hofmann schildert Konzepte und Erfahrungen des Heidelberger Instituts für Beruf und Arbeit (hiba) zu Trainings- und Beratungsangeboten für Mitarbeitende von Einrichtungen der beruflichen Integrationsförderung. Bernd Strahler und Ernst Tiemeyer stellen eine Fortbildung des niedersächsischen und nordrhein-westfälischen Landesinstitutes für Lehrkräfte von berufsbildenden Schulen dar. Schließlich erörtern Andreas Dittrich und Julia Gillen die Kompetenzentwicklung von Moderatoren im Prozess der (Netzwerk-)Arbeit.
Ein Anfang? Die Beiträge in diesem Band zeigen meines Erachtens das analytische Potenzial des Sozialkapitalkonzeptes. Es ist schnell einsichtig, dass das Konzept nicht mit einem solchen schmalen Band aus- und abgearbeitet werden kann.
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